Dezember 1815 erreichte eine Kutsche die Markstätte in Konstanz. Daraus entstieg eine Frau in Begleitung ihres Sohnes. Beide waren Franzosen und hatten ihre Heimat, Frankreich, verlassen müssen und durften nicht zurückkehren. Sie war Hortense de Beauharnais, Tochter der Kaiserin Joséphine und Stieftochter des Kaisers Napoleon I. Er war ihr jüngster Sohn, Prinz Louis Napoléon Bonaparte, 7,5 Jahre alt. Zwanzig Jahre lang blieben sie am Bodensee, in Konstanz und im nahegelegenen Schloss Arenenberg, im Kanton Thurgau. Und sie unternahmen viele Reisen.

Der Junge wuchs nun im deutschsprachigen Raum, im bayerischen Augsburg, in Rom und am Bodensee auf. Er hatte einen französischen Privatlehrer und ging parallel dazu mehrere Jahre ans St.-Anna-Gymnasium in Augsburg. Somit hatte er eine französisch- und eine deutschsprachige Erziehung. Und er sprach fliessend beide Sprachen. Es war ein strenger Tagesablauf, doch aus dem Jungen wurde später … ein Kaiser! Ein französischer Kaiser, Napoleon III., mit einem starken Thurgauer Charakter. Er sollte nie seine zweite Heimat vergessen und pflegte sein ganzes Leben lang die Kontakte zum Bodensee.

Als Kind verbrachte er die meiste Zeit mit Unterricht: Grammatik, Mathematik, Altgriechisch und Latein, Astronomie, Geschichte, Zeichnen, und sogar Fechten und Schwimmen. Als junger Mann ging er an die Militärakademie von Oberst Dufour in Thun und veröffentlichte zahlreiche Publikationen, bevor er die Region am See verliess, um sich seinem Schicksal zu stellen.

Als Kaiser heiratete er eine spanische Comtesse, Eugénie de Montijo. Nur ein einziges Mal kehrte er für vier Tage nach Schloss Arenenberg zurück, das war im August 1865. Er starb im englischen Exil, in Chislehurst, am 9. Januar 1873, im Alter von 64 Jahren. Im Jahr 1906 schenkte Eugénie die Domäne Arenenberg dem Kanton Thurgau. Aus dem Hauptgebäude, dem Schloss, sollte ein Museum entstehen. Ein Napoleonmuseum. Eigentlich konnte man schon lang das Haus besichtigen, seit September 1855. Seit dieser Zeit gibt es ein Gästebuch aller Besucher, die jemals durch diese Räume gegangen sind. Heute noch kommen Gäste aus der ganzen Welt, um die Räume zu sehen, die von einer ehemaligen Königin – Hortense war Königin von Holland gewesen – und einem zukünftigen Kaiser bewohnt worden waren.

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